Fidschi am Rhein

#COP23

von Oliver Herchen

 

 

Während in der Bundeshauptstadt Berlin die Sondierungs-gespräche zur Bildung einer schwarz-gelb-grünen Regie-rungskoalition laufen, bereitet sich die ehemalige Bundes-hauptstadt Bonn auf die größte internationale Konferenz vor, die jemals auf deutschem Boden stattgefunden hat.

 

Dabei streitet man hier wie dort um dasselbe wichtige Thema: Während nämlich an der Spree eines der ent-scheidenden Knackpunkte zwischen den vier verhandelnden Parteien die zukünftige Ausrichtung der Klima- und Energiepolitik ist, geht es bei der Weltklimakonferenz am Rhein, kurz COP 23 genannt, um die präzise Ausgestaltung des Pariser Klimaabkommens aus dem Dezember 2015 und um die spannende Frage, wie die Vertragsstaaten auf die Ankündigung von Präsident Trump, dass die USA aus dem Vertrag aussteigen würden, reagieren.

 

"Technischer Ausrichter"

 

Ganze 25.000 Konferenzteilnehmer werden bei der Mammutveranstaltung in Bonn erwartet. Das ist weit mehr als der eigentlich offizielle Gastgeber, die kleine pazifische Inselrepublik der Fidschi-Inseln, die derzeit den Vorsitz in der Konferenz innehat, stemmen könnte. Daher sprang kurzerhand die Stadt Bonn als Sitz des Ständigen Sekretariats der Klima-Rahmenkonvention (UNFCCC) ein und fungiert nun als „technischer Ausrichter“, wie es so schön heißt. Die Bundesregierung ließ sich dann auch nicht lange lumpen und machte zu diesem Zweck ganze 117 Millionen Euro locker, mit deren Hilfe im ehemaligen Bonner Regierungsviertel und rund um den ehemaligen Deutschen Bundestag als zentralem Konferenzort zwei riesige, hermetisch abgeriegelte „Zeltstädte“ mit insgesamt 55.000 m² Veranstaltungsfläche entstanden.

 

Die eine von ihnen ist die so genannte „Bula-Zone“ (was auf Fidschi so viel wie „Hallo“ bedeutet), die andere die so genannte „Bonn-Zone“. Erstere wurde direkt am Rhein unweit des ehemaligen Abgeordnetenhochhauses „Langer Eugen“, in dem heute die UN residiert, errichtet, letztere ein paar hundert Meter Rheinaufwärts auf der Blumenwiese der Rheinauen. Beim Bau der temporären Hallen wurde Nachhaltigkeit großgeschrieben, schließlich sollten die Räumlichkeiten auch zu den hier besprochenen Themen passen. So wurden die Bauten nicht nur nach dem europäischen Umweltstandard EMAS zertifiziert, sondern sind auch wiederverwertbar und bestehen aus umwelt-freundlichen Materialien. Die Flächen in den Rheinauen sollen nach Ende der Konferenz renaturiert werden, außerdem stehen für die Teilnehmer 600 Mietfahrräder zur Verfügung und es soll vorwiegend vegetarisches Essen geben.

 

Das Gelände der „Bula-Zone“, die den Delegierten und offiziellen Vertretern der teilnehmenden Staaten vorbe-halten ist, wurde offiziell für die Dauer der Konferenz an die Vereinten Nationen übergeben und ist nun exterritoriales Gebiet, so wie es auch bei Botschaftsgebäuden der Fall ist. Die deutsche Polizei ist hier nicht zuständig, sondern die UN selbst. Dagegen hat in der „Bonn-Zone“, zu der auch Pressevertreter und sonstige Beobachter Zugang haben, die Bundesrepublik für die Sicherheit zu sorgen. Über der Stadt wurde ein Flugverbot verhängt, was auch für Drohnen gilt. Die Hotels sind komplett ausgebucht. Es wurden zusätzliche Hotelschiffe an das Rheinufer beordert und die Konferenz-teilnehmer auch in umliegenden Städten und Gemeinden untergebracht. Teilweise müssen sie nun mit einer Anfahrt von einer Stunde und mehr rechnen, um zum Tagungs-zentrum zu gelangen. 

 

Die deutsche Delegation, angeführt von der scheidenden Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), reiste am 4. November – zwei Tage vor Beginn der Veranstaltung – mit einem „grünen“ Sonder-ICE der Deutschen Bahn (Slogan: „Train to Bonn“) an. Zielbahnhof war der eigens für die Konferenz früher als geplant in Betrieb genommene neue Haltepunkt „UN Campus“. Dort wurde die Delegation vom Bonner Oberbürgermeister Sridharan in Empfang genom-men.

 

Klima schützen, Kohle stoppen

 

Für denselben Tag hatte ein Aktionsbündnis, bestehend aus mehr als hundert Organisationen und Verbänden, zu einer großen Demonstration unter dem Motto „Klima retten – Kohle stoppen“ aufgerufen. Die Auftaktveranstaltung sollte auf dem Bonner Münsterplatz stattfinden und dann in einem langen Zug bis in die Nähe des Konferenzortes im ehe-maligen Regierungsviertel ziehen.

 

Da mich nicht nur die Weltklimakonferenz an sich interessierte, sondern ich auch ein Gefühl davon bekommen wollte, wie sehr das Thema die Menschen bewegt (oder auch nicht), machte ich mich kurzerhand ebenfalls auf den Weg nach Bonn. Schließlich war das eine der wenigen Gelegenheiten, das Klima in der Stadt zu schnuppern, denn die Konferenz selbst sollte ja weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit stattfinden. Ich reiste wie die Regierungsdelegation mit dem ICE an, allerdings nicht aus Berlin, sondern auch Frankfurt. Als passionierter Rennradfahrer hatte ich erst erwogen, an der zeitgleich stattfindenden Fahrrad-Demo, die von Köln nach Bonn führen sollte, teilzunehmen, verwarf dies aber wieder, da ich dann hätte mit dem Auto fahren müssen und zudem eine weitere Anfahrt gehabt hätte. Die Bahn war damit ohnehin in diesem Falle die klimafreundlichere Variante, schließlich speist sie ja nach eigenen Angaben die Energie für ihren Fernverkehr zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen.

Auf dem Weg zum Münsterplatz sah ich schon viele rot gekleidete Menschen, was auf Wunsch der Veranstalter die „rote Linie“ symbolisieren sollte, die nun erreicht sei und nicht überschritten werden dürfe. Auf dem Münsterplatz selbst herrschte dann ein buntes Treiben. Eine Bühne war aufgebaut, laute Musik wurde gespielt, rund um den Platz standen einige Info-Stände verschiedener Organisationen, Flyer wurden verteilt, es gab viele bunte, teilweise selbst gemalten Plakate und Banner und zu guter Letzt hingen viele bunte Fahnen und Luftballons – vorwiegend in den Farben Grün und Schwarz – in der Luft. Selbst die Sonne ließ sich zeitweise blicken und untermalte so die sehr friedliche, ja fröhliche Stimmung.

 

Auf den Plakaten und Transparenten standen Sprüche wie „Klima retten!“, „Revolution, Not Pollution“, „System Change, Not Climate Change“ oder „ES GIBT KEINEN PLANet B“. Auch die Kanzlerin war vertreten, allerdings nur in Form einer Pappmaschee-Figur, die über einer Erdkugel schwebte und von schwarzem Rauch, der aus Schornsteinen quoll, eingelullt war. Darunter stand: „Raus aus der Kohle, Frau Merkel!“

 

Ansonsten waren Spitzenpolitiker rar gesät, es gab lediglich einen Stand von den Grünen sowie einen der Linken; die übrigen Parteien glänzten durch Abwesenheit. Immerhin waren Bärbel Höhn und Toni Hofreiter erschienen, die sich mit einer Gruppe Gleisgesinnter hinter einem großen grünen Sonnenblumen-Plakat mit der Aufschrift „Kohle stoppen! Klima retten.“ von der Presse fotografieren ließen. Der gute Herr Hofreiter wirkte zwar etwas übermüdet, aber ange-sichts zweier Wochen anstrengender Berliner Sondierungs-gespräche in den Knochen sei ihm das durchaus verziehen. Immerhin konnte ich ihm noch einen kleinen Werbezettel für mein Buch „Des Menschen Erde“ (man muss ja manchmal etwas Werbung machen) in die Hand drücken, den er nach dem Hinweis meinerseits, dass es aus eigener Feder stamme, zwar leicht genervt, aber dann doch lächelnd entgegen nahm.

 

Auf der Bühne wurden derweil einige Reden geschwungen. Zu hören waren Vertreter von Organisationen wie Misereor, dem BUND, dem Umweltinstitut München, von Ende Gelände, Friends of the Earth und Compact. Sie alle riefen – wie freilich nicht anders zu erwarten – dazu auf, mehr für den Klimaschutz zu tun und möglichst sofort aus der schmutzigen Braunkohle auszusteigen. Doch der Zorn richtete sich nicht nur gegen die Politiker, gegen Trump, Merkel und Laschet, sondern auch gegen den Energiekonzern RWE, der den nahen Braunkohletagebau im Rheinland betreibt und auf diese Weise „seine Aktionäre nur noch reicher“ mache, während die Bewohner der weggebaggerten Dörfer ihre Heimat verlören. Doch entgegen der ernsten Worte, die von der Bühne hallten, blieb die Stimmung beschwingt.

 

Wenig später formierte sich der Demonstrationszug im Schatten der Münster-Türme, um dann – angeführt von zehn Traktoren und begleitet von einer etwas gelangweilten Polizei-Eskorte – in Richtung des ehemaligen Regierungs-viertels aufzubrechen. Es ging vorbei am Bonner Hofgarten, in dem in den 1980er Jahren Hunderttausende von Menschen gegen Atomkraft, für Frieden und gegen die Nato-Aufrüstung protestiert hatten.

 

Die heutige Veranstaltung konnte da nicht ganz mithalten. Angemeldet waren wohl 9.000 Demonstranten, die Veran-stalter sprachen hernach von 25.000 Teilnehmern und der „größten Klima-Demo, die Deutschland je gesehen“ habe. Allerdings dürfte diese Zahl, wie so oft, etwas "geschönt" sein. In Wahrheit dürften es nach meiner eigenen Schätzung vielleicht 10.000 oder 15.000 gewesen sein, die an diesem 4. November durch Bonn zogen. Wenn man die Wichtigkeit des Themas bedenkt und die Tatsache, dass jedes Zweitliga-Fußballspiel mehr Zuschauer anzieht, eigentlich eine ziemlich enttäuschende Zahl.

 

So richtig - so schien es mir - ist die Bedrohung, die der Klimawandel darstellt, wohl immer noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Oder die Vorbehalte gegenüber einer solchen Veranstaltung, die zumindest im bürgerlichen Milieu ja meist einen etwas zweifelhaften revoluzzerhaften links-autonomen Ruf genießt, sind einfach zu groß. Unter den Teilnehmern, die keineswegs nur aus dem Linken Lager zu stammen schienen, sondern vielmehr ziemlich gemischt daher kamen, galt das freilich nicht. Im Gegenteil: Von der verbissen-ernsten, oft zum gewalttätigen neigenden Gesinnung einer linken Demonstration, wie sie sich etwa vor nicht allzu langer Zeit etwa während der G20-Konferenz in Hamburg ereignet hatte, schienen sich die Teilnehmer bewusst distanzieren zu wollen - was mir im Übrigen ziemlich recht war, denn für mich war eine solche Demonstration auch die erste, wenn man es so nennen will. In Wahrheit fühlte ich mich aber mehr als stiller Beobachter denn als Teilnehmer. Der Bonner Zug war bunt, laut, fast karnevalistisch – was im Rheinland nur eine Woche vor dem 11.11. ja auch nicht so ungewöhnlich wäre. Darüber hinaus war er ziemlich international.

 

So gab es einen Wagen, von dem lautstarke Musik erklang, außerdem eine Gruppe Trommelnder und Tanzender mit rosa- und lilafarbenen Perücken. Auch vernahm man viele verschiedene Sprachen, französisch, niederländisch, eng-lisch, aber auch Exotischeres. Überall ertönten Sprechchöre wie „End Coal now, end Coal now“ und ähnliches. Zwischendrin auch eine Truppe schwarzafrikanischer und pazifischer Frauen, die die Parolen, welche ihre Anführerin durch ein Megafon vorgab, lauthals echoten. Vor sich her trugen sie ein lilafarbenes Banner und Pappzettel mit der Aufschrift „Women for Climate Justice“. Ich fragte mich, ob sie eigens zu dieser Demonstration angereist oder aufgrund der Konferenz ohnehin in der Stadt seien.

 

Per Rad und per Pedes

 

Gerade als der Demonstrationszug nach rechts in die Adenauerallee einbog, stießen von links die aus Köln herbeigeradelten etwa 1000 Fahrraddemonstranten hinzu, welche freudig begrüßt wurden. Perfektes Timing also. Und das, obwohl die nach dem Willen der Veranstalter ursprünglich geplante Route über die Autobahn A 555 gemäß richterlicher Anordnung kurzfristig auf angrenzende Bundesstraßen verlegt werden musste. Das tat der Stim-mung jedoch keinen Abbruch.

 

Gemeinsam – die Radler mussten ihre Esel nun schieben – zog man weiter die breite Adenauerallee hinunter, vorbei an der Bundeszentrale für politische Bildung, an den Bonner Dienststellen des Auswärtigen Amtes und des Bundes-ministeriums der Justiz, am Naturkundemuseum Alexander König, an der Villa Hammerschmidt und dem Palais Schaumburg mit ihrem Park sowie am ehemaligen Bundes-kanzleramt, in dem heute das Bundesministerium für wirt-schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung seinen ersten Dienstsitz hat.

 

Schließlich führte der bunte Lindwurm über eine Rampe hinunter und durch eine Straßenunterführung auf die Willi-Brandt-Allee. Auf diese Weise bot sich von oben – ich hatte den ebenerdigen Weg eingedenk der Duisburger Loveparade-Katastrophe bevorzugt – ein guter Blick auf das Treiben. Kurz darauf ging es – die Demonstranten hatten wieder die Straßenebene erklommen – rechts ab, vorbei am schon er-wähnten neuen DB-Haltepunkt „UN Campus“, einmal ums Karree herum, bis sich schließlich der Blick auf die Bühne neben dem Kunstmuseum in der Genscherallee eröffnete, wo die gut anderthalbstündige Abschlusskundgebung stattfin-den sollte.

Über der Bühne hing am langen Arm eines Autokrans eine große Tafel, auf der aus schwarzen Luftballons die Wörter „End Coal“ geformt waren. Im Hintergrund reckte sich der „Lange Eugen“, an dessen Spitze das Logo der Vereinten Nationen prangte, gen Himmel. Aus den Boxen dröhnte lautstark die Musik der Kölner Band „HotStopBanda“, die das Publikum zum Mittanzen animierte. Es wurde vegetarische Suppe gereicht und es gab ein paar Infostände des BUND, des WWF, von Greenpeace und anderen. Das Volk machte es sich teilweise auf den Grünflächen und Bordsteinen bequem, während es der Musik und den Reden lauschte.

 

Es traten unter anderem Redner von den Marshall Islands, aus dem Senegal, aus Peru und von den Philippinen auf. Sie appellierten allesamt für mehr Klimaschutz und berichteten, welche Auswirkungen der Klimawandel in ihren Heimatländern schon habe. Die deutschen Politiker wurden unter der Ankündigung weiterer Proteste aufgefordert, den Braunkohle-Tagebau im nur rund 50 Kilometer entfernten Rheinischen Braunkohlerevier unverzüglich zu beenden. Eine Rednerin sagte, Deutschland zeige ein geradezu janusköpfiges Gesicht: Einerseits das grüne Land mit seinen Photovoltaik-Dächern und Windrädern, dass für die Energie-wende stehe und angeführt werde von der selbsternannten „Klima-Kanzlerin“ und andererseits das Land mit der größten Braunkohleförderung weltweit, die riesige Löcher in die Landschaft reiße und die schmutzigsten Kraftwerke Europas mit dem größten CO2-Ausstoß betreibe. Damit hatte sie wohl nicht ganz unrecht.

 

Auch die USA wurden aufgefordert, von der unter Trump eingeschlagenen Anti-Klima-Politik abzurücken. Auf einem riesigen Plakat stand: „Trump: Climate Genocide“. Und ein Trump-Imitator, zu Füßen einer Freiheitsstatue stehend, wurde von „Eisbären“ und „Afrikanern“, die ein Plakat mit der Aufschrift „Kohleausstieg – Yes wie can!“ hochhielten, bedrängt, endlich zur Vernunft zu kommen.

 

Angeblich sei gegen Ende der Veranstaltung noch Umwelt-ministerin Barbara Hendicks erschienen, wie die Modera-toren verkündeten, aber weder ergriff sie das Wort, noch konnte ich sie auf der Bühne entdecken. Wenig später war dann Schluss. Die meisten Menschen bewegten sich in Richtung U-Bahn und der Platz leerte sich.

 

The Place To Be

 

Ich hingegen wollte noch die Gunst der Stunde nutzen und noch etwas mehr von der Bonner Klimakonferenz in Augenschein nehmen. So überquerte ich die Willi-Brandt-Allee und spazierte in Richtung Rhein, die Heussallee hinunter. Ich wollte mir einfach mal ansehen, an welchem Ort in den nächsten knapp zwei Wochen der Nabel der Welt in Sachen Umweltpolitik liegen würde. Nicht, dass ich hier noch nie gewesen wäre, aber das ganze Ausmaß der „Zeltstadt“ und des damit betriebenen Aufwandes interessierte mich schon. Und wenn mir ein Einblick nicht gelingen sollte, dann wollte ich wenigstens am Gebäude des Ständigen Sekretariats der Klimarahmenkonvention, dem ehemaligen Abgeordnetenhochhaus der Bonner Republik, und am angrenzenden ehemaligen Bundestag vorbei schauen.

 

Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die Polizei gemacht. Schon an der übernächsten Kreuzung war eine Straßen-sperre aufgebaut, bewacht von etwa 20 Polizisten. Es war kein Durchkommen, weder für Auto noch für Fußgänger oder Radfahrer. Die Polizisten sahen zwar freundlich aus, aber nicht so, als würden sie jemanden passieren lassen. Ein Passant fragte, ob er hier zum Rheinufer kommen könne, wurde aber in die andere Richtung geschickt: Hier gehe das leider nicht, er müsse einen Umweg machen.

 

Dann kamen weitere Passanten vorbei, Rollköfferchen hinter sich her ziehend. Sie gingen geradewegs zum schmalen Durchlass, zeigten den Polizisten einen Ausweis – offenbar einen offiziellen Zugangspass – und wurden nach dessen kritischer Begutachtung durchgelassen. Schade, dachte ich mir, da ist wohl nichts zu machen. Ich erhaschte noch einen Blick auf das UNCCC-Gebäude, schoss noch ein Foto vom UN-Logo am „Langen Eugen“, machte kehrt und steuerte nun ebenfalls die U-Bahn-Station an.

 

Mir knurrte der Magen, daher wollte ich in der City noch etwas essen, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Es dämmerte bereits und so viel mir auf, dass sich Bonn für seine internationalen Gäste offenbar herausgeputzt hatte. Die Fassade des Kurfürstlichen Schlosses war bunt beleuchtet, ebenso der Münster, das Rathaus und das Sterntor am Bottlerplatz. Teilweise waren auch Bäume bunt angestrahlt. Am Münsterplatz wurden auf das Gebäude der Alten Post Bilder und Videos zum Thema Klimaschutz projiziert. Ebenfalls auf dem Münsterplatz und auch auf dem Markt gab es viele internationale Essensstände, es herrsche eine schöne Stimmung, fast weihnachtlich, nur ohne Lebkuchen und Glühwein. Ich schlenderte noch ein wenig durch die Stadt, bestellte mir in einem Restaurant eine Pizza und machte mich schließlich frisch gestärkt, aber mit müden Beinen auf den Heimweg.

 

Nachwehen

 

Am Abend war die Bonner Klimademo der große Aufhänger in den Tagesthemen. Es wurde relativ ausführlich über die am Montag beginnende Weltklimakonferenz berichtet und auch Bilder von der Demonstration gezeigt. Auch einige Braunkohlegegner kamen zu Wort. Nett, dachte ich. Immer-hin hatte die ganze Aktion doch etwas Aufmerksamkeit für das wichtige Thema erregt. Ich hatte das gar nicht unbedingt erwartet, dafür erschienen mir insbesondere die Reden bei der Abschlusskundgebung als zu - wie soll ich sagen - "untergewichtig".

 

Ich klappte den Laptop auf und recherchierte, was das Netz so von sich gab. Von den großen Zeitungen berichteten die meisten, aber oft nur unter ferner liefen. Der Spiegel titelte „Tausende demonstrieren für Kohleausstieg“, die FAZ zeigte sogar ein kurzes Video und die Zeit begnügte sich unter der Überschrift „Klimakarneval“ mit einer Fotostrecke. So weit, so gut. Weniger erfreulich waren allerdings die zugehörigen Leser-Kommentare.

 

Dort wurden die Demonstranten verhöhnt, es gab Kommen-tare wie „Wenn es sonst keine Probleme“ gebe, es war von „Klimareligion“ und von „CO2-Wahn“ die Rede, auch von der Unmöglichkeit, den Kohlestrom durch Erneuerbare zu ersetzen. Außerdem sei die Klimakonferenz ohnehin eine „überflüssige Tagung“ und schließlich wurde ernsthaft davon gesprochen, dass „auch vor 400 Jahren“ die Menschen schon geglaubt hätten, „dass böse Geister das Wetter beeinflussen“. Nur heute sei „aus den Teufeln“ eben das CO2 geworden.

 

Freilich gab es auch positive Kommentare unter den mehr als 500, aber die Zahl derjenigen, die unter die Kategorie „Troll“ oder „Klimaleugner“ fielen, war erschreckend hoch. Was geht wohl in derlei Köpfen vor, fragte ich mich. Glauben die tatsächlich, was sie schreiben? Glauben einige selbsternannte Wissenschaftler tatsächlich, erklären zu können, warum der Klimawandel nicht menschengemacht sei, obwohl die geballte internationale Wissenschaft daran keinen Zweifel lässt?

 

Was muss noch geschehen, damit wir nicht mehr diskutieren, ob die Erde eine Scheibe ist, sondern darum, was konkret getan werden kann, um den Klimawandel einzudämmen? Warum steckt die Menschheit immer noch in großen Teilen den Kopf einfach in den Sand, anstatt zu handeln? Weil das Thema zu unbequem, zu bedrohlich ist? Weil man ihm am liebsten aus dem Weg gehen möchte? Aber warum kann man dann nicht einfach die Klappe halten, sondern muss noch seine falschen Ansichten der Öffentlichkeit aufdrängen?

 

Ich kann nur inständig hoffen, dass die Zahl der Trolle und Klimaleugner unter den Konferenzteilnehmern nicht allzu groß ist wie unter den Schreiberlingen im Netz – wobei: Trump oder jedenfalls seine Regierungsvertreter, sind ja auch (noch) anwesend.

 

Ich besuchte noch den Facebook-Account von Toni Hofreiter, immerhin der einzige mögliche künftige Angehörige einer deutschen Bundesregierung, der sich heute in Bonn gezeigt hatte. Er hatte dort das Foto gepostet, das ihn zusammen mit Bärbel Höhn und anderen Grünen auf dem Münsterplatz hinter dem grünen Transparent abbildete und dazu notiert: „Starkes Signal für echten Klimaschutz! Gemeinsam mit vielen tausend Menschen sind wir heute zu Beginn der Klimakonferenz auf der Straße. Die Vereinbarungen von Paris müssen endlich umgesetzt werden - auch in Deutschland!“ und verband es mit den Hashtags „Kohleausstieg“, „Verkehrswende“, „Agrarwende“.

 

Eigentlich ganz richtige Worte. Doch auch hier gab es wieder viele gehässige Kommentare. Sie gingen von „Grüne stoppen! Deutschland retten!“ über „ökologische Dilettanten“ und „Stümper“ bis zu „Anton, mal ehrlich, die Grünen kümmern sich doch einen feuchten Furz um Klima und Umwelt“.

 

Ich konnte nur den Kopf schütteln. Was sind das wohl für Leute, die selbst unter ihrem Klarnamen solche Kommentare von sich geben? Warum tun sie das? Wollen sie die Leute nur aufreiben oder stecken dahinter andere Interessen? Wenn man ein Pessimist wäre, dann müsste man tatsächlich Schwarz sehen für die Menschheit. Mit solchen Leuten sind einfach keine konstruktiven Lösungen möglich, die überflüssigen Diskussionen mit ihnen kosten nur Kraft, Zeit, Ressourcen und Nerven.

 

Ich ergänzte die Kommentare unter Hofreiters Post um die Bemerkung, dass ich ihm für seine Anwesenheit bei der Veranstaltung danke, aber außer ihm und Bärbel Höhn leider keinen weiteren Spitzenpolitiker erblickt habe, was ich sehr schade fände. Ich äußerte aber die Hoffnung, dass die deutsche Politik doch bitte während der Weltklimakonferenz in Bonn trotz laufender Sondierungsgespräche in Berlin mehr Präsenz zeigen möge, um der wichtigen Sache mehr Nachdruck zu verleihen.

 

Das Beste, was uns aus meiner Sicht nämlich in den nächsten Wochen passieren kann, ist ein erfolgreicher Bonner Klimagipfel, der einen klimapolitischen Schub in die Berliner Sondierungsgespräche bringt – auf dass die neue deutsche Regierung entschlossen gegen den Klimawandel vorgeht und schnell aus der Kohleverstromung aussteigt. Denn weitere vier verlorene Jahre können wir uns in dieser Hinsicht nicht leisten.


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