Trumps Geisterfahrt

#ParisAgreement

von Oliver Herchen

 

Der Klimawandel ist real. Leider. Menschengemacht, durch das Hineinblasen von Millionen Tonnen an Treibhausgasen in die Erdatmosphäre. Die Wissenschaft ist sich darüber unbestritten einig. Der Weltklimarat IPCC, der tausende von wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema sichtet, fasst sie regelmäßig in seinen Sachstandsberichten zusammen. Dort kann man nachlesen, welche gravierenden Auswirkungen der Klimawandel aller Voraussicht nach haben wird: Sie sind katastrophal.

 

Und das ist keineswegs Panikmache, ganz im Gegenteil. Da die IPCC-Sachstandsberichte eine Art Kompromiss aus sämtlichen Meinungen von Universitäten und Forschungsinstituten überall auf der Welt, die sich mit den möglichen Folgen der Erderwärmung beschäftigen, darstellen, ist davon auszugehen, dass die dort geschilderten Szenarien eher vorsichtig formuliert sind, weil man sich eben genau diesem Vorwurf der Panikmache nicht ausgesetzt sehen möchte.

 

Umgekehrt heißt das aber auch, dass die wenigen Extremmeinungen, die es naturgemäß in die eine oder andere Richtung gibt, in diesem großen Kompromiss bereits berücksichtigt sind. Die Behauptung einiger „Klimaskeptiker“ oder „Klimaleugner“, es gäbe neben der „Meinung“ des IPCC noch Alternativmeinungen, die das ganz anders sehen, ist daher schlicht Humbug.

 

Und doch gibt es sie, diese Klimaleugner. Warum ist das so? Nun, darüber braucht man nicht groß zu spekulieren. Der größte Teil von ihnen dürfte aus der eher rechten politischen Ecke kommen und Geld damit verdienen, dass Erdöl und Kohle weiterhin verfeuert werden. Oder Sie lehnen staatliche Regularien generell ab – natürlich ebenfalls, weil sich so besser Geld verdienen lässt. Zum Glück – so hatte man jedenfalls spätestens nach der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens im Dezember 2015 den Eindruck - sind diese Klimaleugner leiser geworden, sie schienen beinahe vom Aussterben bedroht, vor allem in Europa, aber auch in China und anderswo.

 

Doch leider haben sie ein aus ihrer Sicht grandioses Comeback gefeiert, vor allem unter den Republikanern in den USA. Das Comeback war so erfolgreich, dass es einer von ihnen gar bis auf den mächtigsten Stuhl der Welt geschafft hat. Und nun hat die Welt ein riesengroßes Problem.

 

Klimawandel größte Bedrohung für die Menschheit

 

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Der durch die Menschheit ausgelöste Klimawandel ist ohne Übertreibung eine der beiden größten Bedrohungen, der wir uns jemals ausgesetzt sahen (die andere ist die Gefahr eines Atomkrieges).

 

Wir müssen dringend handeln, um das Schlimmste zu verhindern. Es gibt keine Alternative, keinen Plan B. Es gibt keine zweite Erde, auf die wir auswandern könnten und wenn, dann wäre sie mit Sicherheit nicht so schön wie unsere. Es hilft auch nichts, den Kopf deprimiert in den Sand zu stecken und zu sagen, es bringe ja ohnehin nichts, es sei ja ohnehin zu spät. Das stimmt nicht. Denn selbst wenn wir nun bereits mehrere Jahrzehnte fast tatenlos zugesehen und wertvolle Zeit verloren haben, darf uns das niemals davon abhalten, nichts zu tun. Denn nichts zu tun bedeutet unweigerlich einen unaufhaltsamen weiteren Temperaturanstieg.

 

Das im Pariser Klimaabkommen vorgegebene Ziel eines maximalen Anstiegs der mittleren Temperatur auf der Erdoberfläche um zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit ist im Grunde genommen nur eine symbolische Zahl. Ein volles Grad haben wir heute ohnehin bereits erreicht, die 1,5 Grad, die als wünschenswertes Ziel in Paris vorgegeben wurden, sind de facto ebenfalls bereits erreicht, da selbst bei einem sofortigen Stopp aller Treibhausgasemissionen (was freilich völlig utopisch ist) die Temperatur in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen wird. Das ist einfach der Trägheit des Systems Erde und insbesondere der Wärmeaufnahmefähigkeit der Ozeane und ihrer Wechselwirkung mit der Atmosphäre geschuldet.

 

Aber es macht eben trotzdem einen Unterschied, ob die Temperatur um drei oder fünf Grad steigt. Fünf Grad ist der Unterschied von heute zur letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren, als ganz Norddeutschland und das gesamte Alpenvorland unter Gletschereis lagen. Der dazwischen liegende Rest war Tundra und kaum bewohnbar. Wollen wir solche Zustände – nur mit umgekehrten Vorzeichen – denn tatsächlich?

 

Wir haben eine globale Verantwortung

 

Klimaschutz ist eine globale Aufgabe. Keiner kann sich der Erderwärmung entziehen und jeden werden die Folgen treffen – den einen mehr, den anderen weniger. Mehr treffen wird es diejenigen, die ohnehin bereits wenig haben und sich folglich am wenigsten zur Wehr setzen können: Die kleinen Inselstaaten und die ärmsten Länder der Welt. Wir alle, sämtliche Staaten, sämtliche Bürger der Erde tragen daher eine Verantwortung, eine Verantwortung für den Planeten und eine Verantwortung für die gesamte Menschheit.

 

Deswegen dürfen wir es nicht hinnehmen, dass sich die USA dieser Verantwortung entziehen wollen. Ausgerechnet jene USA, die historisch betrachtet der größte Klimaemittent der Weltgeschichte sind und heute nach China immer noch die zweitgrößte Menge Kohlendioxid in die Luft blasen. Ausgerechnet jene USA, die die Welt seit Jahrzehnten mit Kriegen überziehen, um sich die fossilen Energievorräte der Erde zu sichern, mit deren Verbrennung sie den Klimawandel anheizen. Ausgerechnet jene USA, deren Einwohner ohnehin den größten ökologischen Fußabdruck auf unserem Planeten hinterlassen und auf diese Weise zu Lasten der armen Länder den größten Reichtum einstreichen.

 

Und trotzdem will sich nun ihr Präsident dieser Verantwortung entziehen. Trump hat angekündigt, aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen zu wollen. Als einziges Land neben Syrien und Nicaragua. Man kann die Unverfrorenheit, die dahinter steckt, eigentlich kaum fassen.

 

Austritt aus Vertrag nur formaler Akt

 

Doch was bedeutet dieser Schritt nun für die Welt und den Rest der Weltbevölkerung? Sind wir nun alle dem Untergang geweiht?

 

Nun, ganz so weit ist es zum Glück noch nicht. Im Grunde genommen ist Trumps Austritt aus dem Pariser Vertrag aus seiner Sicht nur konsequent und lediglich ein formaler Akt. Er entspricht voll und ganz seiner bisherigen Politik. Trump hat seit dem Tag seines Amtsantritts gegen die Klimapolitik, die sein Vorgänger Obama durchgesetzt hat, gearbeitet.

 

Er hat mit Scott Pruitt einen ausgewiesenen Klimaleugner an die Spitze der US-Umweltbehörde EPA gesetzt und will die diese massiv beschneiden. Er hat Mittel für die NASA gekürzt, die diese für die Satellitenbeobachtung und damit auch für die Klimaforschung dringend benötigt. Er hat Umweltauflagen zurückgefahren, Forschungsgelder gestrichen, den Bau von Ölpipelines genehmigt und will in Zukunft auf eine Energieversorgung auf Basis von Öl und Kohle bauen. Diese Politik ist das eigentlich dramatische und beängstigende. Mit dieser Politik unterhöhlt er massiv die weltweiten Klimaschutzbemühungen, er unterhöhlt das Pariser Klimaabkommen. Ob er dann formal darin bleibt oder nicht, spielt im Grunde genommen keine Rolle mehr. Es spielt höchstens nach Trump eine Rolle, wenn die USA möglicherweise doch wieder mitmachen wollen.

 

Man muss dazu nämlich wissen, dass das Grundprinzip des Pariser Abkommens darin besteht, dass seine Teilnehmerstaaten sich selbst Klimaschutzziele setzen, welche alle fünf Jahre überprüft und dann verschärft werden. Sanktionen bei Nichteinhaltung sind nicht vorgesehen. Im Unterschied zum alten Kyoto-Protokoll lautet das Prinzip bottom-up und nicht top-down, es gibt also keine Vorgabe von „oben“, sondern vielmehr eine Art „Grasnabenbewegung“, die sich selbst motiviert und ermuntert, das große Gesamtziel zu erreichen. Wenn jemand wie Trump die Verantwortung nicht ernst nimmt und nicht ehrgeizig um die Umsetzung des Abkommens bemüht ist, dann ist es ohnehin wirkungslos.

 

Darum ist der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen eigentlich kein Drama. Ein wirkliches Drama ist vielmehr, wie Trump im eigenen Land die Klimaschutzbemühungen sabotiert, auch gegen viele seiner Landsleute. Auch in ihrem Interesse können wir daher nur inständig hoffen, dass der Spuk schnell an uns vorüber zieht und es innerhalb der USA möglichst viel Widerstand gegen die Trumpsche Politik gibt – immerhin sieht es danach ja ein wenig aus.

 

Austritt der USA aus dem Klimavertag als Chance

 

Sieht man es positiv, dann kann man Trumps Austritt aus dem Klimavertrag sogar als Chance begreifen. Immerhin hat Trump mit dieser Aktion nämlich etwas geschafft, was er mit Sicherheit nicht beabsichtigte: Er hat das so wichtige Thema endlich wieder auf die Titelseiten der Zeitungen gebracht! Er hat es nicht nur wieder zum Gesprächsthema unter den Spitzenpolitikern, sondern auch zum Gesprächsthema einer breiten Öffentlichkeit gemacht! Dafür könnte man ihm fast danken.

 

Denn nach der Unterzeichnung des Klimavertrages im Dezember 2015 und der anfänglichen Begeisterung konnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass die breite Öffentlichkeit das Thema fast abgehakt habe: Nach mehr als zwanzig Jahren zähen Ringens war der Vertrag nun endlich unterschrieben - und damit das Klima gerettet! Was natürlich ein völliger Irrglaube ist.

 

Mit der Unterzeichnung war gar nichts gerettet, zumindest nicht das Klima! Der Vertag muss erst mit Leben gefüllt werden und erst dann haben wir vielleicht die Chance, Erfolge im Kampf gegen den Klimawandel zu verzeichnen.

 

Dank Trump steht die Thematik endlich wieder da, wo sie hingehört: An der obersten Stelle der politischen Agenda. Wenn Trump dazu führt, dass die übrigen Staaten enger zusammen rücken und mit einem „jetzt erst recht“ ihre Bemühungen verstärken, dann könnte das sogar Vorteile bringen.

 

Und Vorteile bringt möglicherweise auch, dass der Bremsklotz USA, der ewige Bremser in der internationalen Klimapolitik, nun endlich weg ist vom Fenster. Niemand im Rest der Welt muss mehr Rücksicht auf die USA nehmen. Zwar kann Trump im eigenen Land weiter bremsen, aber die übrigen Staaten haben weitgehend freie Hand. Ohne den Querulanten USA, die jahrzehntelang ein wirksames Klimaabkommen fast im Alleingang verhindert haben, könnte Vieles leichter sein, könnte die Weltgemeinschaft unbeschwerter voranschreiten im Kampf gegen den Klimawandel. Das ist eine große Chance.

 

Was aber keineswegs passieren darf ist nachzulassen, langsamer zu werden auf dem weiten Weg, der uns bevorsteht. Wir dürfen nicht zulassen, dass es nun zu Erosionserscheinungen in der Phalanx der Klimawandel-bekämpfer kommt und möglicherweise andere Staaten auf den US-Zug aufspringen. Denn das wäre fatal. In diesem Fall wäre das Pariser Klimaabkommen tatsächlich bald gestorben und wir ständen vor einem Scherbenhaufen.

 

Daher: Die Welt muss zusammenstehen im Kampf gegen den Klimawandel! Jetzt erst recht muss das Motto lauten! Der Ausstieg der USA aus dem Weltklimavertag muss als Chance betrachtet werden. Denn dann und nur dann hat die Menschheit eine Zukunft auf diesem Planeten. Die USA werden nach der Trumpschen Ära schon wieder mitmachen – es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl…


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